"Eleven Short Stories" albümü, Istanbul'un en heyecan verici plak dükkanı KONTRA PLAK tarafından "2012 SENESININ EN IYI ALBUMLERI" listesine dahil edildi.


Beat Magazine December 2007
Verspielter Kanon

„Guitar Looper“ sehen sich nicht als Ein-Mann-Orchester

Es braucht heutzutage nicht mehr viel, um sich am Rechner ein komplettes Orchester zusammenzustellen. Diese Einstellung geht einer neuen Generation von Musikern allerdings gehörig gegen den Strich. „Um einzigartige Kunst zu schaffen, muss man sich als Musiker in irgendeiner Form beschränken“, bringt es der Istanbul lebende Erdem Helvacioglu spitz auf den Punkt und gibt damit das Motto eines Stils vor, der gemeinhin als „Guitar Loops“ bezeichnet wird: Atmosphärische Klanglandschaften, die von nur einer Person zumeist in Echtzeit und lediglich unter Verwendung einer Gitarre sowie von ein paar Effektpedalen erstellt werden. Dabei sind seine Vertreter so einzigartig wie der oben genannte Anspruch an das eigene Schaffen.

Schon bei der Begrifflichkeit scheiden sich die Geister. So möchte Erdem Helvacioglu Loops, also das kontinuierliche Wiederholen von musikalischen Motiven durch Live-Technik, bewusst vermeiden. Schließlich baut alles einander auf: „Der erste Loop, den man einspielt, bestimmt gewissermaßen das gesamte Material, das ihm folgt. Er zwängt alles in sein Zeitschema.“ Um dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen, komponiert Helvacioglu seine Stücke strikt durch, ehe er sie dann ohne spätere Nachbearbeitung komplett in Eigenregie einspielt. Sogar die Stellen, an denen improvisiert werden darf, sind vorher genau vorgegeben. Für eine derart strukturierte Musik ist sein Debütalbum „Altered Realities“, welches er für das ruhmreiche amerikanische Label „New Albion“ eingespielt hat, allerdings betont weich und offen geraten: Zart gebrochene Akkorde liegen unter naiven Melodien, Stimmungen verdichten sich allmählich, Gewitterwolken ziehen herauf ohne sich jemals zu entladen.

Was das Ziel einer bewussten Reduktion angeht, liegen er und Dirk Serries nah beieinander. 23 Jahre lang firmierte der Belgier unter dem Namen Vidna Obmana und entwickelte sich von einem intelligenten Krachkünstler zu einem Meister obertonreichen Ambients. Bis es Zeit für einen Wandel wurde: „Nach all dem Herumexperimentieren mit Keyboards, Ethno-Schlagzeug und anderen Instrumenten wollte ich zurück zu den Wurzeln.“ Die Wurzeln, das sind für Serries voll aufgedrehte Verstärker und düstere, ausgedehnte Hallräume. Sein neues Projekt Fear Falls Burning ist demzufolge sowohl die lauteste Variante, die das Genre derzeit zu bieten hat, als auch die verstörendste. Brachiale Gitarrenakkorde treffen auf sorgfältig aufgebaute „Drones“, in denen sich tausende kleiner Motivpartikel zu dichten Flächen verzahnen, während sich die Musik ebenmäßig wie ein Haiku vorwärts bewegt. Im Gegensatz zu Helvacioglu sieht er in Wiederholungsschleifen kein Problem, umgeht sie durch eine Kanon-Technik, deren Phrasen sich ständig verschieben. Auf seinem aktuellen, titellosen Album für Conspiracy Records verdoppeln sich die Möglichkeiten zudem noch durch die Zusammenarbeit mit dem neuseeländischen Kollegen Campbell Kneale in einem einzigen, 50-Minuten langen Stück. „Es ist die Art, in der ich meine vier verschiedenen Loop-Geräte verspielt miteinander verbinde, die zu diesen atmenden Strukturen führt.“, so Serries. 

Eine andere Methode besteht darin, Schicht auf Schicht zu stapeln und die Motive so eng miteinander zu verflechten, dass ein flauschiger, wenngleich auch nervös zuckender Teppich entsteht. Jede neue Melodielinie verändert dieses Gebilde  nun derart, dass es sich als Ganzes in eine neue Richtung bewegen kann – Hochspannung und Entspannung liegen hier sehr nah beieinander. So verfährt Aidan Baker, eine Ikone des Genres. Der Kanadier ist vor allem durch seine zügellose Veröffentlichungsflut Kult – 50 Alben in sieben Jahren bei praktisch ebenso vielen Plattenfirmen – doch bewegt sich seine Musik gerade auf den aktuellen Werken in eine wirklich beispiellose Nische hinein, in der auch surrealer Folk und Krautrock ihren Platz haben (Ideales Einstiegswerk: „Green & Cold“ auf Gears of Sand). 

Um in den Genuss dieser Musik zu kommen, muss man indes nicht ins Ausland blicken. Einer der talentiertesten hiesigen Protagonisten ist zweifelsfrei Martin Fuhs, alias Seconds in Formaldehyde. Verstärkt steht bei ihm die Komposition als ein Werk mit Anfang und Ende im Mittelpunkt, die nicht nur um eine Stimmung, sondern auch um bestimmte Themen kreist. Und im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen ist es ihm auch nicht unwichtig, dass man am Ende noch heraushört, dass eine Gitarre im Spiel war: „Gerade diese Fingergeräusche auf dem Griffbrett die sich durch das Delay verdoppeln finde ich extrem schön. Oder einfach das Grundrauschen oder Feedback der Gitarre als eigenes Medium.“ 

Zur Gitarre sei er übrigens „ihrer Einfachheit“ wegen gekommen. Damit ist er nah an seinem Vorbild Aidan Baker. Dessen Hauptgrund die Gitarre zum einzigen Medium zu machen  Er konnte keine Musiker finden, die ihn auf seinem ersten Instrument begleiten wollten – der klassischen Querflöte.

Tobias Fischer
Beat Magazine December 2007
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Altered Realities